Projekt & Konzept

Ein Kooperationsprojekt zwischen dem Museum für Islamische Kunst, dem Vorderasiatischen Museum, der Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst und dem Deutschen Historischen Museum.

Im Rahmen des Projekts „Multaka: Treffpunkt Museum – Geflüchtete als Guides in Berliner Museen“ werden syrische und irakische Geflüchtete zu Museums-Guides fortgebildet, damit diese Museumsführungen wiederum für arabisch-sprachige Geflüchtete in ihrer Muttersprache anbieten können. „Multaka“ (arabisch: Treffpunkt) steht dabei auch für den Austausch verschiedener kultureller und historischer Erfahrungen.

In Zusammenarbeit mit dem Referat „Bildung, Vermittlung, Besucherdienste“ der Staatlichen Museen zu Berlin und der Abteilung „Bildung und Vermittlung“ des Deutschen Historischen Museums wurde dazu ein inhaltliches und methodisch-didaktisches Training für die Guides ausgearbeitet, welches sich primär an Jugendliche und junge Erwachsene richtet, aber auch ältere Personen in gemischten Gruppen anspricht.

Die im Museum für Islamische Kunst und im Vorderasiatischen Museum ausgestellten syrischen und irakischen Kulturgüter sind herausragende Zeugnisse der Menschheitsgeschichte. Durch die Erfahrung ihrer Wertschätzung, welche diesen Kulturgütern aus der alten Heimat seitens der Museen entgegengebracht wird, erhoffen wir uns eine positive Festigung des Selbstwertgefühls und ein sich selbstbewusst-konstruktives Einbringen der Geflüchteten in unserer Gesellschaft.

Die Führungen in der Skulpturensammlung und im Museum für Byzantinische Kunst verweisen auf die religionsübergreifenden Wurzeln und die gemeinsamen Ursprünge der drei Weltreligionen Islam, Judentum und Christentum. Kulturen im östlichen Mittelmeerraum waren durch die Jahrhunderte bestimmt durch religiös und ethnisch plurale Gesellschaften, die heute in Gefahr sind. Museen sind Erinnerungsorte einer gemeinsamen Vergangenheit.

Das Deutsche Historische Museum bietet andererseits eine Reflexionsebene an, die eine Annäherung an die deutsche Kultur und Geschichte, mitsamt ihren Krisen und Erneuerungen ermöglicht. Vor allem die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, mit dem sich anschließenden Wiederaufbau, steht hier im Zentrum der Führungen: ein Hoffnungsschimmer, dass mit den Zerstörungen im Irak und Syrien die Geschichte nicht endet. Die meisten der 24 auszubildenden Guides aus dem Irak und Syrien haben dieses Museum für sich gewählt.

Die Führungen übertragen einerseits Fragestellungen zu historischen Objekten auf aktuelle Debatten, um einen Bezug zwischen Vergangenheit und Gegenwart herzustellen. Dabei beziehen die 24 Guides die Besucher in den Prozess der Objektbetrachtung und dessen Interpretation mit ein. Die Besucher werden so durch den wechselseitigen Dialog und unter Berücksichtigung ihrer eigenen Geschichte zu aktiven Teilnehmern.

Die Führungen fokussieren andererseits auf historische und kulturelle Zusammenhänge zwischen Deutschland, Syrien und dem Irak. Museen haben durch das Aufzeigen solcher Gemeinsamkeiten und durch die Einbindung in eine große kulturhistorische Narrative über die Epochen hinweg, die große Chance, als ein Verbindungsglied zwischen den Herkunftsländern Geflüchteter und ihrem neuen Aufnahmeland zu fungieren, um so einen Sinnzusammenhang für ihr Leben hier herzustellen.

Durch niedrigschwellige Ansprache und Peer-to-Peer-Kommunikation erhofft das Projekt „Multaka: Treffpunkt Museum“ Geflüchteten den Zugang zum Museum zu erleichtern und ihnen zu helfen, soziale und kulturelle Anknüpfungspunkte zu finden, sowie ihre Partizipation im öffentlichen Raum zu erhöhen.

Durch die Darstellung von Gemeinsamkeiten und die Eingliederung in einen größeren kulturellen und historischen, epochenübergreifenden Zusammenhang haben Museen die Möglichkeit als Verbindungsglied zwischen den Herkunftsländern der Geflüchteten und den Gast- bzw. neuen Heimatländern zu funktionieren und einen Bedeutungskontext für ihr Leben hier zu kreieren. Doch es gibt viele Stories die überall und nicht nur auf der Museumsinsel funktionieren:

  • Migration: kein Objekt in unserem Museum existiert ohne Migration – jedes Objekt ist ein Ausdruck von transregionaler Verbindung und Migration: der Austausch von Techniken, Gedanken, Mustern, Moden und Ideen ist die Basis jeder Kultur. Kein Objekt und kein Thema in unserer Gesellschaft kann durch geschlossene kulturelle Weltbilder erklärt werden. Woher kommt Eisen? Oder woher kommt das Alphabet? Wie sieht es mit Papier, Schießpulver, dem Telefon oder der Jeans aus? Wie mit Musik und Speisen? Kein einziger Faden unserer Kleidung ist nur Deutsch, Syrisch und Britisch etc. Objekte sind Träger von Migration.
  • Geteiltes Erbe: die Geschichte des Austausches zwischen Europa und dem Nahen Osten hilft uns zu verstehen, dass keiner von uns ohne den anderen so wäre, wie er ist. Die Liste aus dem Mittleren Osten ist lang: Wissenschaft, Philosophie, keramische Techniken wie Lüster oder Blau-Weiß, Papier, das Schachspiel, die arabische Laute al-Oud als Mutter der Gitarre (Ohne die Oud kein Jimmy Hendrix oder John Lennon) etc. Die Liste der anderen Seite ist genauso lang. Interaktion durch Handel und Krieg entlang der Kulturautobahnen der Seidenstraße oder des Mittelmeers prägten unsere Gesellschaften. Viele kulturelle Realitäten sind verwoben und beide Seiten des Mittelmeeres waren formgebend füreinander über Jahrhunderte.
  • Parallele Geschichte: was ist unsere gemeinsame historische oder menschliche Erfahrung? Die Geburt unserer Kulturen aus der Spätantike oder die dramatischen Lebensver-änderungen im 19. und 20. Jh. sind Entwicklungsphasen, die eng miteinander verknüpft sind. Wir sind nicht gleich, aber wir sind verbunden. Die globale Moderne prägt uns alle: die japanische Produktion des schweizerischen Kinderbuchs Heidi verfolgten Kinder in Syrien und Deutschland quasi simultan. Parallele und gemeinsame Erfahrung erlauben darüber hinaus Schwerpunktthemen auf der Metaebene, wie Liebe, Krieg, Tod, Gefühle, soziale Ordnung, Geschlechter etc.
  • Kontaktzonen: Personen und Orte historischer und kultureller Verbindungen zwischen Deutschland, Syrien und Irak. Austausch von der Zeit Karl des Großen und Harun al-Raschid, dem Staufer Friedrich II. und Sultan Kamil bis zu Wilhelm II. und Abdülhamid II.; Orte des islamischen Erbe Europas: Sizilien, Spanien und der Balkan. Kontaktzonen waren höfische Kultur entlang des Mittelmeeres im 12. und 13. Jh., Venedig und der Handel mit dem Mittleren Osten, die Kreuzzüge als Kulturtransfer etc.

Lesen Sie mehr über das Multaka-Konzept von Prof. Dr. Stefan Weber (Direktor des Museums für Islamische Kunst).

Multaka – Konzept und Projektbeschreibung

Ein Projekt von

 

 

Projektförderer

 

 

FMIK e.V.